Bolivien - Zweiter Bericht von Jasmin Lange
Erfahrungsbericht Nr. 2
Von Jasmin Lange

Blick auf La Paz (von El Alto) Rechts im Bild Ciudad Satélite. Hinter den Wolken versteckt sich der Illimani
Um 5 Uhr morgens endete unsere Anreise im Busterminal La Paz. Mit dem Taxi ging es aufwärts und wir durften zum ersten mal den atemberaubenden Blick auf La Paz und die Berge im Morgendämmern erleben. Schaut man genau hin, sieht man die Grenze zwischen Stadt und Stein, doch lässt man seinen Blick schweifen, so scheint es, als würde die Stadt in die Berge hineinwachsen und erst auf dem Gipfel des 6882 Meter hohen Illimani enden. Der Berg ragt über die Stadt, als würde er sie bewachen, als würde er sie daran hindern weiter zu wachsen. Und im Osten der Stadt haben es die Berge auch geschafft. Doch im Süden schlängelt sich die Stadt weiter.Hier liegt die Zona Sur, die wohl reichste Gegend des Regierungshauptsitzes La Paz. 793.000 Einwohner zählt die höchste Metropole der Welt. Weiter westlich liegt El Alto, die „rote Stadt“. El Alto liegt auf 4100 Metern auf dem Altiplano und scheint wie ein Deckel der Stadt La Paz. Man könnte meinen La Paz wäre geradezu übergekocht und hätte sich ihren weg über den Topfrand nach El Alto gebahnt. Und das in einem rasentem Tempo: El Alto in aller Kürze 1903 bildeten sich erste Siedlungen , unmittelbar neben La Paz, auf dem kargen Altiplano, das bisher kaum besiedelt war. Grund hierfür war die Endstation der Bahnlinie, die vom Lago Titicaca nach La Paz führte. 1925 wurde der Flugplatz gebaut und gleichzeitig als Militärstützpunkt genutzt. Anfang der 50er Jahre wurde El Alto an die Trinkwasserversorgung angeschlossen. Bis 1985 war El Alto immer ein Stadtteil von La Paz, wurde aber am 6. März dieses Jahres unabhängig erklärt. Sie ist wohl die jüngste Stadt Boliviens aber zweifellos die am schnellsten wachsende Stadt des Landes. In den letzen sechs Jahren hat sie La Paz in der Einwohnerzahl überholt, und sich somit, hinter Santa Cruz, zur zweitgrößten Stadt Boliviens deklariert. Knapp ein neuntel des gesamten Landes lebt hier und die Stadt hört nicht auf zu wachsen. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Der größte Faktor ist wohl die starke Landflucht in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt. Ein weiterer Faktor die hohe Natalität. Deshalb ist El Alto wohl auch in weiterer Hinsicht die jüngste Stadt des Landes: 50% der Bevölkerung ist 19 Jahre oder jünger und nur 18% sind älter als 39.

Antennen von Satélite
Doch El Alto ist nicht nur die jüngste, sondern auch die ärmste Stadt des Landes. Eine der ärmsten Städte der Welt. Durch ihr schnelles Wachstum fehlt es in vielen Vierteln an Infrastruktur. Dies betrifft vor allem die äußeren Viertel. Viele sind nicht an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen und ein Abwassersystem gibt es dort nicht. El Alto ist mittlerweile in zwölf Distrikte eingeteilt. Unsere „Freiwilligen- WG“ liegt im ältesten und mittlerweile auch wohlhabendsten Teil El Altos, der „Ciudad Satélite“. Sie liegt unmittelbar neben La Paz und hat ihren Namen von den Antennen, die über die Stadt ragen, erhalten.
In dieser Stadt geinnt meine Geschichte, in dieser Stadt werde ich ein Jahr leben, ein Jahr Arbeiten, ein Jahr lernen.
Mehr als nur eine Gastfamilie
Nach dem ich mich zwei Wochen an die Höhe und mein neues Umfeld gewöhnen konnte, ging es an einem Montagabend, gemeinsam mit meinem Projektleiter in die Gastfamilie. Nach einer Stunde Fahrt fand ich mich vor einem großen, weinroten Tor wieder. Wir klingelten und es öffnete eine kleine Frau in Jogginghose und Baseballkappe, die ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.
Sie bat uns hinein und hier saß ich nun etwas ratlos mit meiner zukünftigen Gastfamilie die ich kurz vorstellen möchte:
Zuerst meine Gasteltern: Donja Hilda und Don Felix, beide um die 60. Sie wohnen mit zwei von ihrer sieben Kindern in einem beschaulichen Haus im Stadtteil „Rio Seco“, was soviel wie trockener Fluss bedeutet. Das Haus hat einen kleinen Garten, in dem zwei Hunde wohnen. Allein ihre Namen machen sie erwähnenswert: Kaiser und Spot. Neben dem roten Eingangstor befinden sich der Wasserhahn und das Klo. Der Wasserhahn ist das einzige fließende Wasser, dass es im Haus gibt. Hier putzt man sich die Zähne, holt Wasser zum Kochen oder um im Klo zu Spülen. Zum Waschen macht Hilda morgens immer einen großen Topf Wasser für alle warm.
Meine Gastmutter ist ziemlich klein, aber dafür sehr flink und sie redet sehr viel und schnell, was sie sehr liebenswürdig wirken lässt.

Meine Gastmutter (links) und meine Gastschwester Viviana (unten) beim Brotbacken

Sie kocht ständig und ziemlich gut und ist immer sehr um alle bemüht.
Mein Gastpapa ist eher ruhig und nachdenklich, werkelt aber gerne im Haus und im Garten herum. Wenn er nicht werkelt schaut er meistens den Nachrichtensender oder einen Film. Aber egal was er tut, er sieht immer sehr zufrieden aus und hat ein kleines nettes Lächeln auf den Lippen.
Meine zwei jüngsten Gastgeschwister sind Franco (11) und Laura (21): Franco geht noch zur Schule und Laura studiert Management.
Franco kommt eher nach seinen Vater, er scheint etwas schüchtern und redet nicht viel. Laura dagegen geht voll nach ihrer Mutter und redet, wenn sie Zuhause ist, eigentlich nur und in einem unglaublichen Tempo.
Danach kommt Viviana. Sie ist wohl um die 25 und wohnt mit ihrem Mann Boris und ihren zwei Töchtern Katie (1,5 Jahre) und Kelly (9 Monate) drei Straßen weiter.
Iveth ist die mittlere Schwester und Mitgründerin des Projekts, in dem ich arbeite. Mit ihrem Mann Ludwin (meinem Projektleiter) und ihren vier Kindern leben sie ganz in der Nähe unserer WG.
Meine anderen Gastgeschwister kenne ich nur aus Erzählungen oder flüchtig. Von meinen Tanten und Onkeln zu berichten würde diesen Bericht wohl sprengen Es sind 21 an der Zahl. Letzen Sonntag wurde darüber gestritten ob es nicht doch 22 sind, abner es wurde keine Lösung gefunden.
Alltage und Sonntage
Ich saß also mit Mama Hilda, Papa Felix, Laura und Franco am Tisch und es wurde geredet. Es wurde sehr schnell geredet und ich nickte eigentlich die meiste Zeit nur zustimmend mit dem Kopf, da ich nur annähernd verstand, über was genau geredet wurde. Was ich dann aber doch verstand war, dass ich jetzt Teil der Familie war und deshalb auch Mama und Papa zu Hilda und Felix sagen durfte. Nach einem typischen bolivianischen Abendessen (mehr übers Essen kommt später) unterhielten wir uns, so gut es ging, und schauten Fotos vom Rest der Familie an. Danach wurde die Aufmerksamkeit auf das Fernsehgerät gerichtet, welches schon die ganze Zeit lief, aber vorher kaum beachtet wurde. Gegen zehn Uhr nachts bezog ich mein Zimmer. Ich durfte in dem Bett meiner Gastschwester schlafen, diese wiederum schlief in dem Bett ihres Bruders, welcher auf dem Boden des Zimmer meiner Eltern schlief. Alle Angebote meinerseits, ich könnte auf dem Sofa oder dem Boden schlafen wurden vehement abgelehnt. Ich schlief also in einem kleinen, fensterlosen Zimmer in dem neben Iron Maidon Plakaten Jesusposter hingen und man vor lauter Kuscheltieren nur schwer das Gefühl bekommen konnte alleine zu sein. Trotz all der starrenden Augen schlief ich sofort ein und wachte erst auf, als ich morgens von meiner Gastmutter geweckt wurde, weil es Frühstück gab.
Ich fand mich also an dem selbigen Esstisch wieder. Diesmal gab es Brötchen mit Butter und Tee. Danach zeigte mir meine Mama wo ich mich waschen konnte. Sie hatte schon einen Kessel Wasser aufgekocht und einen Krug kaltes Wasser dazu gestellt. Gegen acht Uhr fuhr ich dann zur Arbeit. Von meiner Gastfamilie aus brauche ich ca. eine Stunde. Meistens kam ich gegen Abend wieder zurück. Oft wurde bereits gegessen und meine Mama machte mir eine Portion warm. Franco machte abends meistens Hausaufgaben und Laura war oft weg. Wenn ich schon früher kam, kochten und aßen wir gemeinsam und redeten so gut es ging, über den vergangenen Tag.
Der Sonntag unterschied sich weitgehend von den restlichen Tagen der Woche, denn Sonntag ist in meiner Familie Familientag und mindestens die bereits vorgestellten Personen kommen zu Besuch, meistens mehr. Ab zehn Uhr morgens haben wir immer gemeinsam gekocht und getratscht. Die Nichten, Neffen und Cousins spielen im Hof und die Männer führen Männergespräche oder entzünden das Feuer. Denn oft wird auf dem Feuer gekocht. Vor allem an Geburtstagen, die fast immer im Haus meiner Gastfamilie gefeiert werden. Der letzte Geburtstag der gefeiert wurde, war der meiner Mutter:
Aus ganz Bolivien kamen Verwandte und das Haus platze aus allen Nähten. In der Küche saßen unzählige Tanten, Cousinen, Schwägerinnen und schnippelten, schälten und kochten was das Zeug hält. Hilda und Laura nahmen den Fisch auseinander, der sage und schreibe 11 Kilo wog. Mein Gastpapa versuchte verzweifelt Feuer zu machen, bekam es auch nach einer halben Stunde hin. Der Fisch konnte also gegrillt werden. Die kleinen, bzw. die kleineren Fische kamen in den Backofen und in die 3 Pfanne. Nach dem großen Schlemmern kam die Torte. In Bolivien ist es Tradition das Geburtstagskind mit der Nase in die Torte zu stupsen, wenn es gerade die Kerzen ausbläst. Bevor die Torte dann endgültig vernichtet wird, spricht jeder seine Wünsche für das Geburtstagskind aus und sagt wofür er dankbar ist. Zuerst der Gatte dann die Geschwister und die Kinder, die Adoptivkinder (Ich) usw. Meine Mutti war so Singani ausgepackt wurde. Singani ist eine Art Traubenschaps, welcher auf fast jedem bolivianischen Fest zu finden ist. Er wird meist mit Tee ( Te con Te) oder SäftenOruro (etwas tiefer gelegene Stadt, dreiYungas (Die Yungas bilden eine Übergangszone zwischen dem Anden-Hochland und dem tropischen Tiefland in Bolivien) mit meiner Gastschwester Laura.
Sonne und Mond
Sonne und Mond, so heißt mein Hauptprojekt, wenn man seinen Namen aus dem Aymara übersetzt. Es liegt in Senkata, dem Districto 11 El Altos. Von unserem Haus fährt man ca. eine halbe Stunde, doch der Unterschied der beiden Stadtteile ist gravierend. Ein Abwassersystem gibt es in Senkata nicht, kaum eine der Straßen ist gepflastert, geschweige denn asphaltiert. Rechts und links von den Wegen ziehen sich, entlang von unverputzten Lehm- und Ziegelmauern, kleine Abwassergräben. Abgemagerte Hunde bewachen rostige Metalltore, die in die Höfe der Menschen führen, die hier leben. In einer dieser Straßen liegt das Inti Phaj’si. Die Bedeutung des Namens lässt sich nur schwer beschreiben, mein Vorgänger formulierte es folgendermaßen: „Die Zusammengehörigkeit von scheinbaren Gegensätzen“. So steht die Sonne beispielsweise für die männliche Energie und für das Licht, während Phaj’si, der Mond, für weibliche Energien steht. Seinen Platz hat es schon oft gewechselt, es gibt kein festes Haus oder Räumlichkeiten. Zurzeit darf das Projekt ein kleines Haus mit vier Zimmern nutzen. Im vorderen Zimmer befindet sich ein kleines Café, in dem man Kaffee und Tee trinken kann. Außerdem kann man sich für umgerechnet einen Eurocent Brett- und Kartenspiele ausleihen. Eine weitere Einnahmequelle ist ein öffentiches Telefon. Für diesen Bereich ist Doña Maria verantwortlich. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern Marco (9) und Fabiola (5) in einem weiteren Raum des Inti Phaj’si’s. Hinter dem Café gibt es einen Raum mit Tischen und einer kleinen Tafel.
Das Foto zeigt mich zu Besuch bei meiner gastoma in Oruro. V.l.n.r.: Eine meiner Gastnichtem, meine Gastoma Corinna und meine Gastmutter Hilda.
Hier finden die meisten „Talleres“ statt. („Taller“ bedeutet soviel wie Workshop). Der vierte und letzte Raum befindet sich über dem Café. Hier werden all die Materialien gelagert, die das Projekt besitzt. Wenn mehrere Gruppen gleichzeitig Talleres haben finden diese auch hier statt.
Als ich Ende August ankam war das Haus grau, das Cafe leer. Mittlerweile gibt es mehr Tische und Stühle, wir haben umgeräumt, gestrichen und gestaltet. Obwohl das alte Haus direkt um die Ecke liegt kamen zu Beginn kaum Jugendliche ins Zentrum. Lediglich ein fester Kern von 5-6 Jugendlichen kam regelmäßig. Wenn ich heute ins Inti komme, ist es voller Leben. Kinder spielen Brettspiele, bemalen die Wände und nehmen an den Talleres teil.
Die Entwicklung der letzten Monate ist unglaublich, unglaublich schön. Doch wie gehöre ich dazu, wie passe ich in dieses Puzzle namens „Inti Phaj’si“ hinein? Neben anderen Jugendlichen gebe auch ich Workshops im Inti Phaj’si. Montags und Mittwochs morgens findet das so genannte „Apoyo Pedagogico“ statt, was soviel wie „pädagogische Unterstützung“ bedeutet. Dieses Angebot gilt vor allem für Grundschulkinder mit schulischen Problemen. Mittlerweile kommen bis zu 35 Kinder gleichzeitig.

Um besser Arbeiten zu können, haben wir die Gruppe in drei kleine Gruppen unterteilt. Wir, das sind Nele, eine weitere Freiwillige des Deutschen Entwicklungsdienstes, Sandra, eine bolivianische Pädagogikstudentin und Wilson, Physikstudent. Wilson und Sandra sind schon lange Teil des Intis, aber dazu später mehr. Die meisten der älteren Kinder bringen ihre kleinen Geschwister mit, da sie auf sie aufpassen müssen. Diese Kinder, die die Schule noch nicht besuchen, bilden eine Gruppe. Mit ihnen spielt und bastelt Sandra, übt spielerisch das ABC und lesen und liest Geschichten mit ihnen. Die anderen Kinder sind nach Lernschwierigkeiten eingeteilt. Wer mathematische Probleme hat, kommt zu Wilson in eine Gruppe. Die Kinder die mehr Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben, üben diese Problematik mit Nele.
Was für ein Theater
All die Kinder, deren schulische Probleme nicht gravierend scheinen kommen in meine „Kindertheater-Gruppe“. In den ersten Stunden haben wir verschiedene Theater- und Kennen-lernübungen gemacht. Wir haben über verschiedene Theaterformen gesprochen und uns dann dazu entschieden, mit

Handpuppen zu arbeiten. Also haben wir aus Müll, Stoff und Holzresten Puppen gebastelt. Wir haben mit den Puppen sprechen geübt, uns verschiedene Charaktere zu den Puppen ausgedacht und schließlich ein Stück erarbeitet, das auf der Legende von Manco Capac und Mama Ochllo beruht.
Die Legende besagt, dass der Sonnengott Inti, seine beiden Kinder, Manco Capac und Mama Ochllo auf die Erde geschickt hat, um das Volk zu zivilisieren. Auf der Isla de Sol (Sonneninsel) im Lago Titicaca gab er ihnen einen goldenen Stab. Dort wo der Stab in der Erde versinken würde, sollten sie ein Königreich gründen und den Menschen helfen.
Die Kinder mussten nun also verschiedene Szenen erarbeiten, die zuerst improvisiert wurden. Auf dieser Basis haben wir dann gemeinsam einen Text geschrieben und Requisiten gebastelt. Eine große Schwierigkeit ist, dass die Kinder oft unregelmäßig kommen, viele müssen ihren Eltern helfen, arbeiten, Schularbeiten erledigen oder haben schlichtweg keine Lust. Mittlerweile haben wir aber ein schönes Stück auf die Beine gestellt, die meisten Kinder können ihren Text und kennen ihre Einsätze. Nach den Ferien werden wir das Stück in ihrer Schule aufführen.

Doch nicht nur mit den Kinder gibt es viel Theater. Auch mit einer Gruppe von Jugendlichen machen wir Freitag nachmittags drei Stunden Theater und Zirkus. Gemeinsam mit meinem Mitfreiwilligen Arne tauschen wir hier mit ca. 8-12 Jugendlichen unsere Erfahrungen aus. Einige der Jugendlichen sind schon seid vier Jahren Teil des Projekts, machen seid vier Jahren mit verschiedenen Menschen Theater und Zirkus und haben viele Erfahrungen gesammelt. Wir versuchen in dieser Gruppe nicht „von vorne anzufangen“, sondern all die verschiedenen Erfahrungen zu sammeln und zu einem Ganzen zusammenzufügen. Arne und ich sehen uns nicht als Leiter, sondern als Teil der Gruppe, der genau wie alle anderen seine Erfahrungen mit einbringt. Jeweils zwei Jugendliche bereiten für eine halbe Stunde Theaterübungen zum Einstieg vor. Danach gibt es eine Stunde Zirkus und anschließend Theater. Im kommenden Jahr möchten wir dann ein größeres Stück erarbeiten. In der ersten Stunde haben wir viel darüber geredet, was Theater für die Jugendlichen bedeutet. Der wohl für alle am wichtigste Punkt war, dass sie ganz frei ihre Gefühle ausdrücken und zeigen können und dürfen. Aber auch hier fehlen die Jugendlichen oft, müssen neben der Schule oder dem Studium arbeiten. Einer der Jugendlichen geht morgens bis ein Uhr zur Schule und arbeitet fünf Nachmittage in der Woche in einem öffentlichen Klo. Er verdient 30 Euro im Monat, für ca. 160 Stunden Arbeit.
Samstags und Sonntags treten wir (mittlerweile fast regelmäßig) auf Märkten auf. Zu einem der Feria de Cultura. Hier haben verschiedene Kulturzentren Stände, wo sie ihre Projekte präsentieren und Gegenstände verkaufen können. Ausserdem gibt es Kinderschminken, Zirkus und Theateraufführungen.

In meinen Projekten leite ich eine Frauengruppe die Taschen knüpft und eine Mädchengruppe die kleine Figuren häkeln. Ausserdem habe vor einigen Wochen mit den Mädchen begonnen Armbändchen zu knüpfen, die wir für 50 Cent verkaufen. Ein Drittel des Geldes geht an die Mädchen, ein weiteres Drittel ans Projekt und von dem letzten Drittel kaufen wir Materialien.

Das Inti Phaj`si hat, im Gegensatz zu vielen anderen Projekten, keine finanzielle Unterstützung. Das was es dort gibt wurde zusammengespart oder von Freunden gespendet. Die Verkäufe sind keine sonderlich große Einnahmequelle, aber es ist eine unabhängige Einnahmequelle, was allen sehr wichtig ist. Eine weitere kleine Geldquelle ist das bereits erwähnte Café.
Do you speak English?
Neben Theater gebe ich Englischunterricht.
Ich habe vier verschiedene Gruppen: zwei Gruppen für Jugendliche, eine für diejenigen, die nachmittags zur Schule gehen, eine für die, die vormittags die Schule besuchen und eine Gruppe für Fortgeschrittene und eine für Kinder. Auch hier tritt das Problem auf, das häufig Leute fehlen und unregelmäßig kommen, was das Niveau der Kinder und Jugendlichen noch weiter auseinander treibt. Doch den meisten macht Englisch Spaß, spielerisch lernen wir Vokabeln, lesen kleine Texte, besprechen Grammatik und machen Übungen dazu. Die Aussprache ist wohl die größte Schwierigkeit, deswegen machen wir viele Sprach- und Hörübungen, um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Zum Jahresabschluss haben wir Weihnachtslieder gesungen. Kurz gesagt ist das Inti ein offener Raum, in dem jeder tun und lassen kann was er möchte, solange es seinen Nutzen zur Gemeinschaft beiträgt.
Filme und Kekse
Neben dem Initi Phaj’si arbeite ich in zwei weiteren Projekten. Zu einem dem CEREFE: Das Cerefe ist eine Schule für geistig- sowie körperlich behinderte Kinder und Taubstumme. Hier gebe ich zusammen mit einer Lehrerin, Silvia, einen Backtaller. Jeden Dienstag wird von 8:30 bis 13:30 Uhr gebacken. Wir wechseln meist deutsche und bolivianische Rezepte ab. Neben Süßkram backen wir auch Brot und Brötchen. Die Gruppe ist relativ groß. Es ist eine Klasse von 12 geistig behinderten Kindern im Alter von 12 bis 18 Jahren.
Es ist relativ schwer alle Kinder gleichzeitig zu beschäftigen, klappt aber mittlerweile recht gut. Jeder darf ein Ei aufschlagen, mit umrühren wird abgewechselt. Anschließend essen wir einen kleinen Teil gemeinsam, der Rest bleibt als „Pausensnack“ in der Schule.
Im CEREFE müssen alle Kinder die Gebärdensprache lernen, um so die Taubstummen nicht auszuschließen. Das lustige daran ist, das sich die Kinder unbemerkt über die Lehrer aufregen können, wenn diese nicht gucken.
Freitagsabends bin ich in der Cinematheka im COMPA, einem großen Kunstprojekt hier in El Alto tätig. Hier werden für umgerechnet 10 Cent Einritt Low-Budjet-Filme gezeigt. Ich bin gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Katja für das leibliche Wohl der Gäste zuständig.
Fast fertig….. …
Ich hoffe der Bericht hat einen kurzen Einblick in meine Arbeit und mein Leben gegeben.
Ganz liebe Grüße aus dem kalten El Alto – Bolivien, Eure Jasmin

Zum Schluss drei Zitate dreier jugendliche zu der Frage was das Inti fuer sie bedeutet:
„Das Inti Phaj’si ist wie mein zweites Zuhause. Es ist ein Platz, an dem man viel Lernen und neue Dinge schaffen kann.“
„Das Inti ist der einzige Ort, wo ich meine Sorgen zum Ausdruck bringen kann, hier wird alles an mir respektiert. Das Inti Phaj’si bedeutet Gemeinschaft.“
„Das Inti ist für mich der Weg, zur Verwirklichung meiner Träume“


